Karola feiert die Einweihung des neuen Büros ihres Escortservice für Frauen. Luise ist natürlich auch eingeladen und wurde gerade von ein paar Escortdamen irrtümlich für eine Kollegin gehalten, welche einen speziellen Bereich abdeckt - frivole und anzügliche Scherze inklusive.
Als Karola endlich mit dem Orangensaft kam, war sich Luise nun erst recht sicher, dass sie ihr Einweihungsgeschenk richtig gewählt hatte. Sie nahm einen kleinen Schluck und überreichte ihre Gabe: »Mögest du in deinem neuen Reich Wohlstand ernten und Glück und Frieden erfahren.«
»Uih, dankeschön!« Unter neugierigen Augen löste Karola das Geschenkpapier von der Schachtel und öffnete sie. Traf auf Seidenpapier, kruschte es auseinander: »Oh!« Karola hob vorsichtig eine überraschend schwere, ungefähr dreißig Zentimeter hohe, farbige Statuette aus ihrem papierenen Bett; eine Frauenfigur in wallendem Gewand und mit vergeistigtem Blick. Karola kratzte ihre spärlichen Kenntnisse über religiöse Volkskunst zusammen: Kein Säugling auf dem Arm, keine Krone auf dem Kopf; Maria hieß die Dame schon mal nicht. Karolas Augen und die ihrer Mitarbeiterinnen richteten sich fragend auf Luise:
»Das ist die heilige Genoveva, die Schutzheilige der Frauen. Sie ist aus Speckstein und ziemlich alt, vielleicht sogar antik. Viele, viele Jahre hat sie mich begleitet.«
Die sündigen Escortdamen zeigten das in ihrem Beruf unabdingbare Fingerspitzengefühl für besondere Situationen und zerstreuten sich, verstohlen grinsend, unter die Partygäste.
Genoveva in beide Hände gebettet, presste Karola heraus: »Das ist wirklich ein ganz … besonderes Geschenk.« Luise senkte ihren Blick: »Sie gefällt dir nicht. Das darfst du ruhig sagen. Auch wenn mein Geschenk ein Stück von mir ist. Aber das ist völlig in Ordnung.«
»Doch, doch!«, beschwichtigte Karola eilends.
»Ich kann dir auch etwas Neues kaufen. Du musst mir nur sagen, was du gerne möchtest.«
»Nein, nein.« Karola beschaute die Kurven Genovevas. »Ein so persönliches Geschenk hat einen ganz anderen Wert.« Sie schaute sich um; Genoveva wog schwer - nicht nur in ihren Händen. »Ich überlege, wo ich sie hinstelle, damit ihr nichts passiert heute Abend in dem ganzen Trubel.«
Der Beschützerin des »Eve to Eve« wurde einstweilen auf dem Sideboard im Rücken von Karolas Schreibtisch Asyl gewährt, fast ganz an die Wand geschoben.
»Und morgen suchen wir ihr zusammen einen richtig schönen Platz aus«, sagte Karola. Luise nickte mit einem letzten Abschiedsblick auf ihre langjährige Begleiterin und mischte sich unter die Gäste. Als sie außer Sichtweite war, stellte Karola zwei Wasserflaschen vor Genoveva.
