Constanze hat ihre Vermieter Westner zu einem kleinen Kennenlernabend eingeladen. Marion war von der Idee nicht begeistert: Max war okay, aber seine Schwester!
»Die von gegenüber: Wissst ihr, Sie was über die Leute? Wir haben noch nie jemanden gesehen.«
Vermieterin Westner wusste: »De Hettichs haben da bis vor einem Monat gwohnt. De haben des Haus vor einem Jahr gmietet ghabt ois Übergang, bis ihr eignes Haus in Tölz fertig is. Er hat a Ingenieurbüro in Tölz und sie macht irgendwas mit Computer. - Da kann man natürlich scho dreimal im Jahr in Urlaub fahren, a riesen Villa bauen, noch dazu wenn ma keine Kinder hat.«
»De machen des schon richtig, Paula«, entschärfte Max den hörbaren Neid seiner Schwester. »De sind halt einfach clever und können was.«
»Ja, de schon. Da gibt’s noch ganz andere«, maulte Frau Westner.
»Wie meinst du jetzt des?«
Selbst das Achselzucken seiner Schwester hätte es als Antwort nicht bedurft: »I weiß schon, dass du mich meinst. Wie lange muss i mir des noch ...«
»Und der Cem mit seinem Döner?« würgte Marion den aufkeimenden Geschwisterzank ab. »Also den finde ich ganz nett. Der ist schon lange da, hat er erzählt und sein Lokal scheint ganz gut zu laufen.«
Während sich Herr Westner mit einem kräftigen Schluck beruhigte, verfinsterte sich die Miene seiner Schwester bei dem Gedanken an den Schandfleck in der Fußgängerzone. »Mei, der is halt da. Des is eher was für de jungen Leut. I kauf ja nix bei dem und sonst so Kontakt hat man ned mitnander. Des is halt einfach eine andre Kultur.«
»Es ist doch aber spannend und interessant, andere Kulturen kennenzulernen«, meinte Constanze zu Frau Westner. Die winkte ab:
»Mit meinen dreiundsiebzig brauch i des nimmer. Mir langt, was i mit dem Dönerzeugs seh und riech. Mehr andere Kultur brauch i ned.« Sie tunkte ein italienisches Cantuccino in ihren französischen Wein. Etwas zu lange, als sie es herausnahm, platschte das aufweichte Ende ins Glas zurück.
Constanze überspielte den Fauxpas, indem sie vom Tablett am Tischende ein neues Weißweinglas nahm und es gegen das suppig gefüllte austauschte. Die gut gekühlte Weinflasche in der Hand lächelte sie Frau Westner an: »Ich muss mich entschuldigen, ich bin eine unaufmerksame Gastgeberin: Ihr Wein war bestimmt schon viel zu warm. Darf ich nachschenken?«
Überrumpelt nickte Frau Westner nur. Marion holte zwei neue Bier aus dem Kübel, Max grinste sich eins: Die Frau von Rickling hatte Stil!
Noch den Weißbierschaum an der Oberlippe, philosophierte Marion: »Ja, die alte Frage: Schweinshaxe oder Lammkeule?«
»Semmelknödel oder Couscous?« nahm Max den Ball auf.
»Enzian oder Raki.«
Max horchte auf: »Hast einen?«
Marion stutzte kurz. »Himbeere habe ich. - Magst einen? - Noch jemand?« Sie ging in die Küche.
Die nächste Viertelstunde erschöpfte sich der Gesprächsstoff in Allerweltsfragen wie: Wo ging man in Tachlried gut essen? Wohin konnte man schöne Ausflüge machen? Wo konnte man dies und das kaufen?
